Freitag, 8. Juni 2012

Bioware - "Voll schwul" und dadurch genial


Viele Spiele schaffen es inzwischen ein filmreifes Erlebnis zu bieten. Aber schon lange vor den verfilmungswürdigen Storylines von Biowares diversen Rollenspielepen (oder handlungs- und entscheidungsintensiven Titeln wie "Heavy Rain") haben mich persönlich Spiele wie Loom, eines der ersten Adventures aus dem Hause LucasArts, oder Final Fantasy 7 (dank eines mickrigen PCs nur im Fenstermodus gespielt und trotzdem begeistert) mit ihren Geschichten berührt.
Angriff der Reaper in Mass Effect 3
Die Erde im Begriff zerstört zu werden. Bisher nie eindrucksvoller inszeniert. - © by Bioware


Drama
Ich habe nun auch nicht wirklich nah am Wasser gebaut, aber Mass Effect 3 hat es an einer Stelle geschafft, mich durch eine dramatische Szene gefüllt mit Action, Spannung und selbstloser Opferbereitschaft tatsächlich mal zum Schluchzen zu bringen. Allein dafür gebührt Bioware eine Art Spieleoscar. Aber dazu kam es nicht nur, weil dieser Teil des Spiels, der sich auf dem Heimatplaneten der Kroganerrasse abspielt, für sich genommen schon so gut erzählt und inszeniert ist, sondern meine Gefühlsregungen waren ein Ergebnis des Gesamtwerkes, das Mass Effect ist. Daher rühren meines Erachtens auch die vielen negativen Reaktionen von Fans bezüglich der Enden des Spiels, die ich teils zwar nachvollziehen kann, aber selber sehe ich das Spiel als gelungen vollendet an. (Im Gegensatz zu den Vertretern der Indoctrination Theory).


Mordin und Sheperd in Mass Effect 3
Mordin (und ein männlicher Shepard). Ethik in der Wissenschaft und "the greater good". 
© by Bioware

Immersion ist das Zauberwort, wenn man eine emotionale Involvierung des Spielers erreichen will. Das ist bei Spielen, die in der Natur der Sache liegend starke Interaktion zwischen dem Produkt und dem Käufer herstellen, natürlich durch mehr Einfluss auf das Geschehen leicht zu bewerkstelligen. Kombiniert man das dann mit einer Geschichte, die dem Spieler sehr eindringlich zeigt, dass und wie seine Entscheidungen den Handlungsverlauf beeinflussen, so hat man eine emotionale Verbindung hergestellt, die sich an Intensität noch am ehesten mit dem Schauen einer (dramatischen) Serie oder einer Romanbuchreihe vergleichen lässt, die zu Ende geht.
Daher sind die überschäumenden Reaktionen auch nicht verwunderlich. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass die Frustration auch daher kommt, dass viele Fans der Reihe aufgrund ihrer (Achtung: Klischee) selbstgewählten Schwerpunkte bei Spielen und Filmen starke und vor allem dramatische Geschichten vielleicht nicht so gewohnt sind wie ein Berlin-Mitte Hipster mit einem Fanatismus für Art House Filme.

Individuelle Entscheidungen und Rollenspiel 
Viel wichtiger für ein Rollenspiel (wenngleich auch von hoher Relevanz) als das ausgesuchte Steigern von Eigenschaften und Fähigkeiten ist, dass meine Entscheidungen die Geschichte beeinflussen können. Man kann auch sehr gute Storys erzählen und dabei völlig linear bleiben, aber moderne Spiele gehen immer mehr den Weg der multiplen Enden und Klassiker wie Chrono Trigger auf dem Super Nintendo zeigen, wie fasziniert Leute immer schon von der Möglichkeit verschiedener Enden - beeinflusst durch ihre Entscheidungen - waren.
Was ist auch wichtig für ein Rollenspiel? Dass ich wirklich verschiedene und relevante Entscheidungen treffen kann und nicht nur Sachen wie "Zuhauen oder Verhandeln" in einem Dialog sondern auch meinen potentiellen Partner in Romanzen. Es ist als Witcher Gerald durchaus unterhaltsam dauernd eine andere Frau *hust* beizubeschlafen, aber dass ich als männlicher/weiblicher Shepard entsprechend schwul/lesbische Beziehungen mit einer derartigen Verknüpfung und Ausarbeitung in der Geschichte des Spiels durchlaufen kann, das ist revolutionär und bringt höchstwahrscheinlich der ganzen Akzeptanz unserer Minderheit mehr als jegliche Gender Studies. Das Spiel, was sich laut Schätzungen weit über 3,5 Millionen mal verkauft hat, betreibt Aufklärung nämlich dort, wo sie hingehört: In einem schon klischeehaft heterosexuell-männlichen Umfeld (und nicht im selbstgenügsamen Elfenbeinturm universitärer Wissenschaft).

Noch dazu ist es, wie "Zero Punctuation" Yahtzee in einem Artikel über Dragon Age 2 erläuterte, für einen Rollenspieler auch durchaus denkbar, dass er eine homosexuelle Beziehung in einem Spiel ausprobieren möchte gerade weil es möglich ist, er eben rollenspielen will und somit etwas tun kann, was in der Realität für den heterosexuellen gar nicht zur Debatte steht (oder stehen kann, je nach Weltsicht). Der schwul-lesbische Spieler wiederum erfährt eine Immersion, die ihm vorher fast immer verwehrt war und die aufgrund der Normalität, wie die Beziehung in Mass Effect 3 porträtiert wird, endlich einmal eine Zukunft zeigt in der Homosexualität einfach Alltag ist. 
Dazu trägt auch die Nebengeschichte mit dem schwulen Lieutnant Cortez, der auf Shepards Raumschiff "Normandy" dient, bei. Dieser hat seinen Ehemann im Krieg gegen die Reaper verloren. Als Spieler kann man Cortez auf verschiedene Weise mit seinem Schmerz umgehen helfen. So ist dieser Nebenschauplatz, sehr einfühlsam erzählt, ein weiterer Punkt, wo Bioware Toleranz und Normalität stiftet ohne etwas aufzudrängen.
Die Tatsache, dass ich selbst kurz verwirrt war, ob ich mich nicht verhört hatte, dass Cortez seinen "husband" im Krieg verlor, zeigt schon, dass es mutig und wichtig ist, dass auch in Spielen dieser Referenzklasse genau so etwas thematisiert wird. Wie viele Leute sich (immer noch) über diese Teile der Story aufgeregt haben, muss sicherlich nicht extra erwähnt werden. Aber Mass Effect 3 hat die Zahl derer sicherlich gesenkt. Und das ist genial.


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