Donnerstag, 14. Juni 2012

Philosophische Hintergründe in Bioshock - "No Gods or Kings. Only Man"

Der erste Besuch der Unterwasserstadt Rapture im Spiel Bioshock hinterließ bei vielen Leuten intensive Eindrücke. Die Optik eines heruntergekommenen Art-déco-Stils, die Waffenarten sowie die magieähnlichen Fähigkeiten des Spielers (sog. genmanipulierende Plasmide) kombinierten sich zu einem Spielerlebnis, was herkömmliche Shooter überragte.
Ich fand es daher notwendig, aufgrund der meines Erachtens ungerechtfertigt negativen Wertung in der GameStar, einen Leserbrief zu schreiben, der auch abgedruckt wurde. Laut Redaktion waren die Reaktionen auf einen Spieletest noch nie so heftig - und dazu noch im Einklang mit der auch von mir genannten Kritik am Test - wie bei Bioshock.

Andrew Ryan und seine Vision in Bioshock
Andrew Ryans Vision. Wissenschaft, Kunst und jegliches Streben ohne Grenzen. © by 2K Games



Grundgedanken zu Rapture
Als Spiel faszinierend, als Shooter leider definitiv etwas zu einfach. Die moralischen Entscheidungen sind reduziert auf "Gut" und "Böse", ohne Abstufungen. Dennoch beschäftigt sich Bioshock mit philosophischen Ansichten und erzählt einer durchaus neue und ungewöhnliche Geschichte. Auch Willensfreiheit spielt dabei eine große Rolle, deren Anteil an der Story hier aber nicht gespoilert werden soll.


Rapture sollte ein Ort sein an dem Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft und damit jegliches menschliches Streben und Schaffen keinen Einschränkungen unterliegt. Zensur und moralische Standards sind laut Andrew Ryan, dem Gründer Raptures, Ängste von Kleingeistern. Wer arm ist, der hat sich nicht angestrengt. Das Überleben des Stärksten und Tüchtigsten gilt in der Welt von Bioshock. Purer Sozialdarwinismus.

"I am Andrew Ryan, and I'm here to ask you a question. Is a man not entitled to the sweat of his brow? 'No!' says the man in Washington, 'it belongs to the poor.' 'No!' says the man in the Vatican, 'it belongs to God.' 'No!' says the man in Moscow, 'it belongs to everyone.' I rejected those answers; instead, I chose something different. I chose the impossible. I chose... Rapture. A city where the artist would not fear the censor; where the scientist would not be bound by petty morality; where the great would not be constrained by the small! And with the sweat of your brow, Rapture can become your city as well."
Andrew Ryan
Power to the People Station in Bioshock
Individualismus in Rapture: Die "Power to the People"-Stationen rüsten Waffen auf. © by 2K Games

Philosophische Grundlagen für die Ethik von Andrew Ryan
Viele Denker haben sich mit Egoismus und dem Gegensatz dazu, Altruismus, beschäftigt. Welches Verhältnis zwischen beiden Verhaltensweisen das beste sei und ob und wieso man überhaupt altruistisches Verhalten an den Tag legen soll. Der Esoteriker Aleister Crowley zum Beispiel verdichtete das Problem auf den Satz: "Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz." Seine philosophisch-religiöse Bewegung "Thelema" hielt somit zu einer wenig bis gar nicht altruistischen Lebensweise an, in der es nur um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht. 
Das kann unter Umständen auch Hilfen für andere einschließen, aber nur solange diese den eigenen Ziele förderlich sind.

Eine starke Dominanz des Christentums machte - zumindest vordergründig - die Nächstenliebe und das Schützen der Schwachen lange zu einem Schwerpunkt in philosophischer Denke auf der Welt. "Ethischer Egoismus" aber (das, was man allgemeinhin unter Egoismus versteht), wie er in der Neuzeit immer ungezügelter vorkommt, ist Grundlage von Andrew Ryans Weltsicht und findet seine Argumente, wie schon erwähnt, bei Crowley oder, im sogenannten Naturzustand, bei Thomas Hobbes. Was ökonomisch richtig ist, ist grundlegend richtig. Was das Individuum auch will, ganz egal was, ist richtig. Insofern gibt es eigentlich kein "richtig" und "falsch", denn nur der Wille zählt. Es wird nichts moralisch bewertet, sondern der Wille setzt die moralischen Standards.

Aber schon Thomas Hobbes und anderen Denkern vor ihm haben deutlich formuliert, dass so ein Zustand nur zu Zusammenbruch und Krieg führen kann. Ohne gesellschaftliche Ordnung ist kein Zusammenleben möglich. Die Situation bei der Ankunft in Rapture ist schon das Ergebnis von absoluter Schrankenlosigkeit. Die Gesellschaft ist zusammengebrochen aufgrund von Hedonismus und vollkommen zügelloser Wissenschaft, die die Leute durch genetisches Experimentieren geistig instabil machte und die moralischen Hemmschwellen generell drastisch senkte.


Welcome to Rapture - Bioshock
Verspricht grenzenlose Freiheit, die unweigerlich ins Chaos stürzt: Rapture. © by 2K Games
Thomas Hobbes machte schon die Resultate deutlich, die einer Ethik wie der von Andrew Ryan folgen: Eine Rückkehr zum Naturzustand droht und damit ein Untergang der Zivilisation. Bioshock ist somit die ganze Zeit über sozialkritisch. Es bietet aber auch keine direkten Lösungsansätze, wo die Grenzen für Wissenschaft und Egoismus gesetzt werden müssen, ohne die Verwirklichung des Individuums zu sehr einzuschränken.


"What is the difference between a man and a parasite? A man builds, a parasite asks, 'Where's my share?' A man creates, a parasite says, 'What will the neighbors think?' A man invents, a parasite says, 'Watch out, or you might tread on the toes of God...'"
Andrew Ryan


Moralische Entscheidungen in Bioshock
Mit dem Ergebnis des Sittenverfalls als Folge zügelloser Wissenschaft und degenerierender Moral wird man in Bioshock von Anfang an konfrontiert. An bestimmten Stellen des Spiels hat man aber die Wahl sich auf den entfesselten Egoismus von Rapture einzulassen oder ein kleines Zeichen für Moral und etwas Altruismus zu setzen.

So trifft man im Spiel öfter auf die Little Sisters, kleine gentechnisch veränderte Mädchen, die ADAM sammeln. Dieser Stoff ermöglicht die ausufernden genetischen Veränderungen, die in Rapture an der Tagesordnung standen und hilft auch dem Spieler, sich besser verteidigen zu können. Befreit man die Mädchen von ihrem Schicksal als Sammler von ADAM, dann erhält man ein wenig von dieser Substanz und ab und an Geschenke der Sisters. Wenn man die Wesen aber ausbeutet, dann erhält man mehr ADAM und damit mehr Macht, aber auf Kosten der Little Sisters. 

Man entscheidet sich im Spiel auch gegen den moralischen Verfall von Rapture, wenn man die Mädchen rettet, auch wenn das in weniger effizienten Fähigkeiten des Spielers resultiert. Bioshock lehrt so auch eine - im Spiel regelmäßig wiederkehrende - moralische Lektion: 
Wer auch das Wohl anderer im Blick hat, der muss manchmal auch eigene Nachteile in Kauf nehmen. Gesunder Egoismus ist nicht "ethischer Egoismus". 

Es sei erlaubt an dieser Stelle zu spoilern. Das Spiel hat zwei grundverschiedene Enden, die in Abhängigkeit zum Umgang des Spielers mit den Little Sisters stehen.

Bioshock will keine Technikfeindlichkeit vermitteln, aber es zeichnet ein dystopisches Bild einer Welt, die sich der Moral völlig entledigt hat. Der Götze Raptures ist der "ethische Egoismus" und auch er duldet keine anderen Götter neben sich.





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