Montag, 11. Juni 2012

Religion/skritik in der Welt von "Dragon Age"

Die Pantheone von Rollenspieluniversen geben selten Anlass zu semitheologischer Analyse. Bei "Das schwarze Auge" wird man zum Beispiel mit einer steifen Kopie römisch/griechischer Götterwelten bedient (mit viel weniger außerehelichem Geschlechtsverkehr und Totschlag). Der Evergreen unter den Rollenspielen, Dungeons & Dragons, wiederum beinhaltet so viele göttliche Wesen wie Tokio Menschen kombiniert mit der mangelnden Kompromissbereitschaft von Grenzpolitik im nahen Osten. Dementsprechend zivilisiert geht es unter diesen metaphysischen Wesen zu. 
Eines haben die religiösen Welten der meisten Rollenspiele gemein: Die Existenz der Götter wird selten bezweifelt. Es gibt dazu auch keinen Grund, denn die Priester vieler Gottheiten werden von diesen mit magieähnlichen Fähigkeiten ausgestattet, was sie im Rollenspiel vor allem für den Kampf viel effizienter macht (gerade wenn es um D&D geht). Dadurch entsteht für die fiktiven Bewohner dieser Welten kein Zweifel an der Existenz göttlicher Wesen.

Teleologie
Dragon Age macht sich die Frage nach der Existenz und des Wirkens seines "Makers" nicht so einfach. Zieht man mit Morrigan und Leliana durch die Gegend, so kann man einen interessanten Zufallsdialog verfolgen.

Leliana: I'm wondering Morrigan... do you believe in the Maker?
Morrigan: Certainly not. I've no primitive fear of the moon such that I must place my faith in tales so that I may sleep at night.
L: But this can't all be an accident. Spirits, magic, all these wonderous things around us both dark and light. You know these things exist.
M: The fact of their existence does not presuppose an intelligent design by some absentee father-figure.
L: So it is all random, then? A happy coincidence that we are all here?
M: Attempting to impose order over chaos is futile. Nature is, by its very nature, chaotic.
L: I don't believe that. I believe we have a purpose. All of us.
M: Yours, apparently, being to bother me.  


Leliana und Morrigan in Dragon Age
Leliana und Morrigan. Wenn der Zweck die Mittel heiligt auch mal incognito als Priesterinnen unterwegs. © by Dragon Age Wiki

Leliana, die ehemalige Assassinin und jetzt reuig-fromme Bardin, und Morrigan, die Magierin mit Advocatus Diaboli Attitüde und Hang zum Hedonismus, sind ideale Beispiele zur Behandlung der Gottesfrage in Dragon Age. In vielen Spielen ist allein die Existenz von Magie Grund genug,"magisch-übernatürliches" wie Götter als existent ansieht, aber Morrigan stellt ziemlich klar dar, dass alles, was natürlich ist, und dazu gehört auch Magie, keinen Anlass gibt metaphysisches Wirken vorauszusetzen.
Zauberei ist so real wie alles in der Natur, denn man kann Magie fühlen, kontrollieren und ihre Auswirkungen sind offensichtlich. Dass nicht alles vordergründig sichtbar ist spricht nicht gegen ihre Existenz. Ebenso ist dadurch auch nicht die Existenz metaphysischer Geschöpfe beweisbar oder wird irgendwie wahrscheinlicher. Auch Dämonen, eine Gefahr für alle unachtsamen Magier in Dragon Age, sind keine offiziellen Gegenspieler (also keine Teufel oder "gefallenen" Engel) des "Makers" sondern einfach Geschöpfe, die aus menschlicher Perspektive eher "böse" Absichten verfolgen. 

Auch wenn Morrigan die Existenz eines göttlichen Wesens nicht allgemein in Frage stellt, so empfindet sie Lelianas Frömmigkeit und persönliche Gottesvorstellung doch mehr als nur befremdlich, wenn nicht sogar lächerlich. Das auch deswegen, weil sich Leliana von Visionen des "Makers" geleitet sieht, obwohl in der offiziellen Lehre der "Chantry" (der Kirche in Dragon Age) seit der Prophetin Andraste der Schöpfer zu keinem Sterblichen mehr direkt gesprochen hat. Dies wird in der Quest um die Asche von Andraste festgestellt auch wenn Leliana an ihren Vision festhält.

Shale der Golem nennt Leliana ebenfalls in einem Zufallsdialog leichtgläubig aufgrund ihrer kindlich anmutenden Religiosität ("for believing in things which were not real"), aber entschuldigt sich später dafür. So fällt Lelianas konstantes Missionieren nicht auf total taube Ohren bei Shale. Er denkt zumindest intensiv über ihre Position weltumspannender Sinnhaftigkeit nach auch wenn ihn die Frage umtreibt (Theodizee), wieso der "Maker" schlechte Dinge zulässt wie zum Beispiel Tauben, die den Golem in seiner Zeit als unbewegliche Statue geplagt haben, oder auch die große Gefahr, die von Darkspawn und dem Erzdämon ausgeht. Shale kontempliert, dass Lelianas Weltsicht durchaus etwas tröstliches hat.
Shale der Golem in Dragon Age
Shale sind als Golem einige menschliche Verhaltensweisen und Überzeugungen ziemlich fremd. © by Dragon Age Wiki

Im Gespräch mit anderen
Alistair ist als Templer genau wie Leliana zumindest offiziell ein Angehöriger der "Chantry" (gewesen). Aufrichtigkeit und Unbeholfenheit gehen bei Alistairs Dialogen stets Hand in Hand. Im Gegensatz zu Leliana hat er aber die Zurückgezogenheit in der Chantry gerne aufgegeben. Das Schicksal Unschuldiger während der Bedrohung durch den Darkspawn kommentiert Leliana ziemlich utilitaristisch. Es wäre wichtiger, die Gefahr an sich zu bannen als sich um das Schicksal Einzelner zu kümmern. Der mitfühlende Alistair kann sich dieser harten Einstellung nicht anschließen, auch wenn sie "logisch" erscheint (man denke da auch an Vulkanier). Sein ganzes Handeln ist darauf ausgelegt, das Richtige zu tun. Er hat jedoch keine tieferen religiösen Motivationen, was er Zevran gegenüber einmal auf Nachfrage offenlegt.

Wynne, als deutlich Älteste der Gruppe, zeigt sich schicksalsergeben mit einer ausgeglichenen Mischung aus pragmatisch-religiöser Überzeugung und gesunden Zweifeln. Dies hebt sie deutlich von der zelotisch-frommen Leliana ab. Im Gespräch mit dem Wächter von Andrastes Asche bekräftigt sie das als er ihre Überzeugungen in Zweifel zieht. Wynne konstatiert, dass sie den Lehren der "Chantry" durchaus folgt. Nur ein Narr aber würde nicht an seinen Überzeugungen von Zeit zu Zeit zweifeln.
Der Elf Zevran wiederum bezeichnet sich als sehr religiös.Der irritierten Nachfrage, dass er beruflich Leute ermordert, entgegnet er, er würde natürlich nach einem Mord um Vergebung bitten. Der meuchelmordende Elf ist somit ein Prototyp religiöser Heuchelei, auch wenn er von der Richtigkeit seiner Handlungen überzeugt ist.


Alistair: But... you ask forgiveness and then you go right on with your sinning?
Zevran: The Maker has never objected. Why should you?
Alistair: I... have no idea.
Zevran: Well there you go. Perhaps you ought to think about asking for a little forgiveness yourself, hm?
 
Bei Bioware und woanders
Man könnte die wankelmütige Gunst, die man den Göttern in "Sacrifice" von Shiny Entertainment entgegenbringt als religiösen Opportunismus beschreiben oder die Göttermorde in der Reihe God of War als Säkularisierungsprozess. Es ist jedenfalls selten, dass sich ein Spiel dieser Thematik ernsthaft und objektiv nähert wie man es bei Dragon Age erlebt. 

Mich würde interessieren, wo vielleicht noch ähnliche Problematiken in Spielen aufgegriffen und behandelt werden und wurden? 
Und mal ganz allgemein gefragt: Wer führt in Dragon Age 1 eigentlich die besten Dialoge?


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