Mittwoch, 20. Juni 2012

Tragische Superhelden


Man findet in den Lebensgeschichten vieler Superhelden ein nicht unbeträchtliches Maß an Tragik. Bei Batman und Spiderman etwa ereignen sich dramatische Familienschicksale schon vor dem Beginn ihrer Karriere als Kämpfer gegen das Verbrechen. Auch Wolverine gelangt zu seinen Adamantitklauen nicht bei einem Ausflug ins Grüne. Manchen Superhelden ist ein tragisches Schicksal allein schon durch ihre übernatürlichen Fähigkeiten zuteil oder aber durch die Art, wie sie an ihre Kräfte gekommen sind.
Deshalb möchte ich heute drei besonders geprüfte Protagonisten vorstellen, die mir persönlich mit ihren Geschichten ans Herz gewachsen sind.
Die Auswahl fiel auf Rogue von den X-Men, V aus dem Comic/Film "V für Vendetta" und Dr. Manhattan aus dem Graphic Novel/Film "Watchmen".



Rogue
Rogue -  © by Rodolfo Migliani/Marvel
Rogue

"The first boy I ever kissed ended up in a coma for three weeks. I can still feel him inside my head. It's the same with you."

Im Gegensatz zur Handlung in den Comics ist Rogue im Film anfangs nicht böse sondern beginnt ihre Superheldinnenkarriere bei den X-Men. Ihre Kräfte sind gleichzeitig äußerst stark aber auch fluchbeladen. Wenn sie mit ihrer unbedeckten Haut jemanden berührt, dann entzieht sie demjenigen Erinnerungen, Gedanken und, im Fall von übernatürlichen Fähigkeiten, auch diese. Je länger sie den Körperkontakt mit dem entsprechenden Wesen aufrechthält, desto mehr an Fähigkeiten und Eigenschaften überträgt sich auf Rogue, mit zunehmend gravierenden Folgen für den Berührten. In den Comics ist diese Absorption teilweise auch dauerhaft, also nicht reversibel. Auch Eigenheiten des Charakters übernimmt sie zeitweise wie Aggressionsbereitschaft und ähnliches.
Rogue kann daher auch keine intimen körperlichen Berührungen mit anderen austauschen. Jeder halbwegs intensive Kuss setzt ihre Veranlagung in Gang und raubt dem Geküssten Kraft. Das führt dazu, dass sie vor allem von anderen Mutanten beargwöhnt wird und sich ihr Verhältnis zu ihrer Filmromanze Ice Man äußerst schwierig gestaltet. Aber auch der Umgang mit allen anderen ist belastet, sie wird aus Angst vor ihren fatalen Fähigkeiten verschlossen und zurückhaltend. 
Rogue steht damit im Gegensatz zum Topos des Vampirs, dessen emotionale Bindungen zu Individuen durch die Unendlichkeit seines Lebens mit der Zeit nachlassen. Die Mutantin Rogue kann aber lieben und liebt auch dauerhaft. Sie hat keine weiteren Nachteile im sozialen Umgang. Sobald aber körperliche Bedürfnisse befriedigt werden sollen, und seien es auch nur kleine Zärtlichkeiten, ist ihr dies aufgrund ihrer zerstörerischen Kräfte verwehrt.






V für Vendetta
V hat einen unendlichen Durst nach Rache -  © by "chrystal of ix"
V

"People should not be afraid of their governments. Governments should be afraid of their people."

Der (Anti)Held aus dem Film "V für Vendetta" ist ein prägnantes Beispiel für einen Feldzug gegen das Böse, der durch den Erhalt seiner Superkräfte ausgelöst wird. V ist das Ergebnis unmoralischer Forschung am lebenden Subjekt.
Das Ziel des Superhelden V ist es, das totalitäre Regime eines fiktiven Englands der nahen Zukunft, das auch an seinem Schicksal Schuld trägt, zu Fall zu bringen. Um das zu erreichen bedient er sich terroristischer Aktivitäten aller Art, bekämpft allerdings das Böse somit wiederum mit Mitteln von Hass und Gewalt.
Der Film beginnt damit, dass er das Gericht "Old Bailey" in die Luft sprengt, da dieses Gebäude seines Erachtens die herrschende Ungerechtigkeit im Lande repräsentiert. Solche symbolhaften Terrorakte sind typisch für sein Vorgehen und sollen das Volk aufrütteln.
Die Person V ist wie erwähnt das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes, durch das alle Probanden, bis auf ihn, getötet wurden. Durch die Versuche jedoch erhielt er übermenschliche Stärke, Widerstandskraft und einzigartige Reflexe.
Alle, die an den Experimenten verantwortlich beteiligt waren, bringt er nach und nach um. Diesen persönlichen Rachefeldzug verfolgt er neben seinem großen Ziel, das ganze, "Norsefire" genannte, Regime zu Fall zu bringen. 
Unthematisiert ist, ob er auch ohne die an ihm durchgeführten Experimente zum Rächer und Aktivisten geworden wäre. Hätte er die Kraft gehabt, auch ohne Rachebedürfnisse gegen das Regime vorzugehen, wie er es tut? Vielleicht wäre es nicht zu einem aktiven Widerstand von ihm aus gekommen trotz einer Ablehnung des Systems.
Die Terrorakte und die Morde an seinen Peinigern werfen einen dunklen Schatten auf ihn und machen ihn somit nicht zu einem strahlenden Helden. 
Identifizieren kann man sich zwar mit dem Schmerz und der Wut eines Mannes, der seinen durch Experimente verheerten Körper verbirgt und sein Gesicht meist unter einer Guy Fawkes Maske verstecken muss. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel. Das zeigt die Geschichte von V für Vendetta eindrucksvoll am Beispiel ihres Protagonisten. Seine Ziele sind ehrenvoll und seine Aktionen führen zum Sturz des Regimes, aber dadurch rechtfertigen sich nicht Mord und Terror, auch wenn er versucht, die "Kollateralschäden" in Grenzen zu halten. Als sein Gewissen fungiert im Film Evey (gespielt von Natalie Portman), die zwar viel von ihm lernt, aber seine Handlungen durchaus kritisiert. Dies stellt sich im Comic anders dar als im Film, wo Evey viel drastischer seine Handlungsweisen übernimmt und weniger kritisch ist.
Der Leser oder Zuschauer wird in jedem Fall dazu angehalten, über den Unterschied zwischen richtigen Absichten und berechtigten richtigen Mitteln zu ihrer Durchsetzung nachzudenken.







Dr.Manhattan - Watchmen
Dr. Manhattan sieht alle Schicksalsfäden und Möglichkeiten.
Dr. Manhattan

"A live body and a dead body contain the same number of particles. Structurally, there's no discernible difference. Life and death are unquantifiable abstracts. Why should I be concerned?"

Ursprünglich ist Dr. Manhattan ein ganz normaler Wissenschaftler, der bei einem seiner Experimente atomisiert wird. Irgendwie schafft es sein Bewusstsein aber, durch den Fehlschlag massiv verändert, sich wieder in eine humanoide Form zu bringen. 
Seitdem hat Dr. Manhattan gottähnliche Fähigkeiten und ist der Einzige im Graphic Novel "Watchmen", der übernatürliche Kräfte hat. Seine Kräfte sind es, die den Kalten Krieg in der alternativen Realität des Comics (und Films) erst zu einem Patt machen. Die Angst vor Atomschlägen und der Kräfte von Dr. Manhattan hält die Supermächte gegenseitig in Schach.
Zuvor noch war den USA der Sieg im Vietnam Krieg nur durch seine Hilfe gelungen. 
Dr. Manhattan forscht weiter an verschiedenen Dingen und ist in dieser Funktion für diverse technische Errungenschaften der alternativen 80er Jahre von "Watchmen" verantwortlich.
Dadurch aber, dass er als ein höheres Wesen die Zukunft sieht und übermächtig ist, entfernt er sich immer mehr von seinem menschlichen Ursprung. Er sieht schon bald keinen Sinn mehr in der Bekämpfung von Verbrechen oder darin, das Gleichgewicht zwischen den USA und den Soviets zu stabilisieren. Eine Beeinflussung der Zukunft hält er für unmöglich, da alles determiniert ist. Insofern beeinflussen seine Handlungen den Ausgang nicht, sondern sind schon Grund dessen, was letztendlich passiert.
In einer Szene schläft Dr. Manhattan mit seiner nach wie vor menschlichen Freundin Laurie. Da er aber an verschiedenen Orten gleichzeitig sein kann, forscht er nebenbei weiter. Die Empörung Lauries, die eine seiner Emanationen während des Liebesaktes erspäht, kann er nicht nachvollziehen, denn er tat ja, was von ihm in einer Beziehung erwartet wird. Seine Distanz zur eigenen Menschlichkeit wird nirgends sichtbarer als hier.
Dr. Manhattan ist in vielerlei Hinsicht eine tragische Figur, zumindest aus menschlicher Perspektive. Seine Fähigkeit in die determinierte Zukunft zu sehen, lässt ihn an jeglichem Aktivismus zweifeln und entzieht ihm nach und nach seine Menschlichkeit, da er den Sinn in menschlichem Streben und Handeln nicht mehr sieht. Anders als die mythische Figur Kassandra verzweifelt er nicht an der Unabwendbarkeit der Zukunft sondern nimmt das als Anlass, sich um andere Sachen zu kümmern. Forschung betreibt er aus reinem Eigeninteresse, auch wenn die Ergebnisse der Welt von Nutzen sein können.
Die gottgleichen Fähigkeiten entfremden ihn ganz selbstverständlich von der Menschheit, auch wenn er selber - logischerweise - das nicht als einen Nachteil sehen würde, denn in "Gut" und "Schlecht" zu denken ist etwas, was er mehr und mehr verlernt.


Gibt es weitere Beispiele für ähnliche Superheldenschicksale?


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