Sonntag, 22. Juli 2012

Lob der Fantastik

Egal ob man sich Comics, Filmen, Büchern oder Spielen zuwendet, wenn sich die Handlung im weiteren Sinne im Bereich der Fantastik abspielt, dann begibt man sich allem Anschein nach qualitativ auf dünnes Eis. Das gilt für Fantasy wie für Science-Fiction und ist etwas, was sich so ziemlich jeder Nerd und Geek schon einmal sagen lassen musste.

Im Rahmen dieser pauschalen Urteile können gute Geschichten offensichtlich nur, Ernsthaftigkeit haben und Mehrwert anbieten, wenn sie (in Spielfilmform und) in der "Realität" angesiedelt sind.

Selbst im Journalismus wird immer wieder das Lesen von "Fantasybüchern" als Argument  angeführt, um infantiles Verhalten zu belegen. Im April z.B. wieder in der "Zeit" zum Thema Piratenpartei passiert.

Dabei wird das Infantile zumindest impliziert, denn der geneigte Autor und Fan von Sachbüchern erkennt anhand des ‘Fantasytopos’ schnell, dass er es nur mit einem nicht ernstzunehmenden Individuum zu tun haben kann.

Sicherlich gibt es stapelweise Schund mit Fantasy/Science Fiction Aspekt. Das liegt aber gewiss nicht an der gewählten Thematik, sondern am jeweiligen Autor und findet sich in allen Bereichen. Andernfalls wäre im Umkehrschluss ja alles, was sich anderen Thematiken widmet, automatisch gut. Das ist nun nicht so ganz der Fall...


Magisches Pentagramm
Magischer Zirkel zur Beschwörung mit Hexagrammen und hebräischer Schrift.


Die Weltliteratur ist voller Fantastik, berühmte und erfolgreiche Filme ebenso, sie hat sich als ein relevantes Stilmittel behauptet. Unwissenheit ist es also eher, die Leute dazu bringt, diese Genres als Kinderei abzutun. Denn wer Geschichten etwas literaturwissenschaftlicher analysiert, der merkt, dass es im Kern nicht um das "Setting" geht. Die eigentlichen Inhalte sind es, die eine gute Geschichte ausmachen, die Art, wie erzählt wird, nicht die Welt, in der eine Handlung sich abspielt.

Letztendlich geht es immer um Macht, Liebe, Zwischenmenschliches allgemein, Verrat, Ehre, Moralisierungen und alles, was dem Menschen nicht fremd ist.

Berühmte Beispiele aus der Weltliteratur folgen nun und das ohne auf ein Paradebeispiel wie ‘Herr der Ringe’, eingehen zu müssen.


Prospero in Shakespeares Sturm
Prospero und seine Tochter. Gemalt von William Maw Egley

Shakespeare
Zahlreiche Stücke von Shakespeare kommen ohne Übernatürliches aus, aber bei vielen sind eben Zauberei, Hellsicht und andere Phänomene ein gewichtiger Bestandteil der Dramatik.

So sind bei MacBeth der Geist des ermodeten Königs und die Hexen mit ihren Weissagungen von integralem Bestandteil für das Stück. Auch bei Hamlet geht ein Geist um, der des toten Königs und Vaters. Und in "Der Sturm" dreht sich sogar alles um das Schicksal des Magiers Prospero. Dieser greift auf Zaubersprüche und die Dienste eines Naturgeistes zurück, um seine Widersacher zu verwirren.

Im Sommernachtstraum wiederum machen Feen und Waldgeister gut die Hälfte der auftretenden Personen aus und Liebeszauber ist es, der die Geschichte des ganzen Stückes antreibt.

Es wäre mühsam, alle Adaptionen aufzuzählen. Offensichtlich sind auch und gerade die übernatürlichen Aspekte relevant um eine spannende Geschichte zu erzählen. Selten hört man jemanden sagen: "Ach, der Shakespeare, der schrieb schon toll. Wenn nur nicht so viel Fantasykram in diesen Stücken wäre. Übertragen wir den Sommernachtstraum doch einfach an irgend einen rustikalen Ort in den Puff und der Liebestrank ist eine Art Viagra."


Faust und der Teufel
Faust und der Teufel.

Goethe - Faust

Vielleicht das beste Stück, das jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde, findet ganz in fantastischer Thematik eingebettet statt. Bei Faust von Goethe ist der Teufel das Mittel zum Zweck, um Faust alles zu geben, was er will. Per Pentagramm gefesselt, lässt sich der Teufel auf einen Pakt mit dem Gelehrten ein. Faust wird mittels Zaubertrank verjüngt und gegen die Raufbolde in Auerbachs Keller hilft Illusionszauberei.
So prägen Magie und Hexenwerk den ganzen ersten Faust und sind Metapher für alle Sehnsüchte, die Faust quälen und die er dennoch auch so nicht erfüllt bekommt.
Faust II spielt nur noch im Übernatürlichen, in der mythologischen Antike mit allerlei Göttern und Legenden.



Siegfried im Kampf mit dem Drachen
Siegfried ersticht den Drachen, dessen Blut ihn unverwundbar macht.

Epen verschiedener Kulturen

Egal welches Epos, egal welcher Sagenkreis, Fantastik gehört in alle. Grund dafür ist sicher auch, dass man zu Zeiten, als diese Geschichten entstanden, den dort beschriebenen Fähigkeiten und Wesen sehr viel eher Existenz zutraute, als heutzutage. Aber das mindert nicht die Fantastik als wirkungsvolles Stilmittel, welches sich in Nibelungensage, Gilgamesch oder Beowulf findet.
Sei es das Drachenblut, das Siegfried bis auf eine kleine Stelle an seiner Schulter unverwundbar macht (Hallo, Mythen der Antike!). Sei es Gilgamesch, der dank seiner übermenschlichen Kräfte als Despot regieren kann. Sei es Beowulf (vor ein paar Jahren fürchterlich verfilmt/veranimiert), der gegen das Monster Grendel und seine schreckliche Mutter in die Schlacht zieht. 


Alle diese Helden und Kreaturen faszinieren uns mit Ihren übermenschlichen und fantastischen Fähigkeiten und ziehen uns so in ihren Bann. Die Geschichten, die damit erzählt werden, sind aber inhaltlich nicht anders als diese, die in ganz weltlichen Gefilden spielen. Beweggründe und Problematiken bleiben im Kern stets die gleichen. Es ändern sich nur die Mittel des Geschichtenerzählens, nicht seine wirklichen Inhalte.