Dienstag, 21. August 2012

Die Versuchung


Macht lässt schnell die Seiten wechseln.
Mit der obigen Karte aus dem Spiel "Vampire: The Eternal Struggle" verbindet sich ein immer wieder aufgegriffenes Kernthema in allen möglichen Geschichten und vor allem im Bereich von Fantasy und Science Fiction, die Versuchung. Sie ist etwas, dem sich Menschen sehr oft ausgesetzt sehen und daher etwas so oft Behandeltes. Die vermeintlichen Belohnungen, wenn man der Versuchung nachgibt, machen sie so attraktiv. Der Versuchung im Großen zu erliegen, kann zu Verrat und Verlust von Moral führen, auch wenn ihr aus vermeintlich hehren Gründen nachgegeben wird.
Oft ist das Motiv die Erringung von Macht, wie auch immer sich diese äußert, oder eine Form von Lustgewinn. Aber Versuchung wäre nicht Versuchung, und Mensch nicht Mensch, respektive Wesen nicht Wesen, wenn damit nicht auch Bedenken einhergehen würden. Die Einlösung des Versprochenen, das, was "versucht", ist gar nicht einmal zwingend garantiert, aber die schiere Möglichkeit, dass das Versprochene einem auch wirklich zuteil wird, ist es vielleicht wert, der Versuchung nachzugeben.


Unabhängig von den Folgen, die es haben kann, wenn man der Versuchung nicht widersteht, teilt sich diese in zwei Arten: Altruistische und egoistische Versuchung. Bei Ersterer ist die Hoffnung, etwas besser machen zu können oder effektiver helfen zu können, Grund für den Gewissenskonflikt. Bei egoistischer Versuchung reduziert sich der gewonnene Vorteil nur auf den Versuchten selbst.
Aber Versuchung hat ihren Preis. Sonst wären die Bedenken nicht vorprogrammiert. Der Altruist befürchtet, dass er einen "zu hohen Preis" bezahlt und vielleicht sogar nicht einmal die Garantie hat, das Ergebnis, das er erreichen will, auch zu erreichen. Der Egoist wiederum fürchtet, dass sein durch das Nachgeben erreichter Lustgewinn vielleicht nicht den Preis rechtfertigt, den er, als der Versuchung Verfallener, zahlen muss. Aber beiden ist gemein, dass die Anziehungskraft der Versuchung enorm ist.



Der Ring verspricht viel und verdirbt damit letztendlich jeden.



Der Eine Ring
Der Herr der Ringe bietet mit seinem Kernthema ideales Anschauungsmaterial für beide Varianten von Versuchung, die altruistische und die egoistische. Hier geht es im Fantasybereich einmal nicht um die ultimative magische Waffe, den Zauber etc., die alles retten werden, sondern darum, ebenjenes Ding, das alle Macht verheißt, zu zerstören. Das hebt den Herr der Ringe so von anderer Fantasy ab. Sein Kernthema ist das Ausmaß (menschlicher) Schwäche und Fehlbarkeit durch die Einflüsterungen und die Versuchung auf zukünftige unbegrenzte Macht.

Dazu muss man sich klarmachen, was der Eine Ring, der alle Macht verheißt, für eine Funktion hat. Der Eine Ringe entsteht in einem Prozess, der die Macht des Schmiedes vermindert und diese in dem Ring einschließt. Im Gegenzug aber potenziert der Eine Ringe die Kräfte seines Trägers, also dessen, der den Ring am Finger trägt. Der Eine Ring, ursprünglich dazu geschaffen, "sie (also andere Ringe der Macht und damit deren Träger) zu knechten", ist aber im Endeffekt ein Werkzeug des überaus mächtigen Sauron, seine ohnehin schon große Macht deutlich zu erhöhen. Die Versklavung und Unterwerfung anderer Ringträger ist ein zweites Ziel bei der Erschaffung des Einen Rings durch ihn.
Das hat zur Folge: Ohne den Ring ist Sauron nur noch ein Schatten seiner selbst und zweitens verspricht der Ring seinem Träger unendlich mehr Macht, als derjenige schon hatte.
Daher will Sauron den verlorengegangenen Ring umbedingt wieder in seinen Besitz bringen.
Er ist zerfressen von Machtgier (das Ergebnis einer langen Geschichte im Silmarillion) und nur getrieben von Egoismus. So ist schon die Entstehung des Rings geprägt von egozentrischer Gier und Versuchung.

Homo sum, humani nihil a me alienum puto
Die Hobbits, die von Natur aus relativ einfache Wünsche haben wie ein ruhiges Leben und gutes Essen, können dem Ring viel besser widerstehen als niederträchtigere Wesen wie Menschen oder auch die edlen Elfen, die in dem Ring eine Möglichkeit sehen ihren schwindenden Einfluss in Mittelerde zu erhalten.

Galadriel zeigt sich kurz so in der Verfilmung von HdR, wie sie der Ring verändern würde.
In einem Abschnitt der Geschichte im Herr der Ringe, wird der Ring vom Hobbit Frodo der Elfenherrscherin Galadriel freiwillig angeboten und ausnahmsweise nicht in gewaltsamem Versuch abgenommen, wie das im Verlauf des Geschehens sonst der Fall ist. Galadriel, die Elfenherrscherin über das Waldreich Lorien, erscheint ihm als die geeignetste Person, die Bürde des Ringes auf sich zu nehmen und den Ring zum Guten zu verwenden. Eine Geste, die dem Hobbit in ihrer Bedeutung und Folgenhaftigkeit gar nicht klar ist. In diesem Moment sieht man die sonst sanfte und ehrenhafte Elfenherrscherin einmal zittern vor Versuchung über die angebotene Macht. Es übersteigt Frodos Vorstellungskraft, zu was die mächtigen Elfen ohnehin in der Lage sind. Und Galadriel, die selber einen, wenn auch nicht ganz so starken Ring der Macht besitzt, ist noch mächtiger als viele andere des Elfengeschlechts
Die zitternde Hand, die sich letztendlich doch noch vor dem Ring zurückzieht, und ihr hypnotisierter Gesichtsausdruck, sind eindrucksvolle Bilder der Einflüsterungen des Rings auf alle Lebewesen.
Galadriel prophezeit, dass sie über alle herrschen und von allen bewundert und gefürchtet werden würde. Aber sie widersteht der Versuchung, wissend, dass sie niemals kontrollieren könnte, zu was sie der Ring macht: So mächtig, dass sich ihr niemand entgegen stellen könnte. Erst würde sie die Welt wohl in Ordnung bringen, aber die schier endlose Macht, die der Ring verspricht, würde sie letztendlich auch korrumpieren.

Andere Protagonisten im Herr der Ringe denken weniger reflektiert darüber nach, was der Ring anrichten würde. Nur die Elfen und der Zauberer Gandalf sind sich, obwohl sie auch gegen die Versuchung kämpfen müssen, immer bewusst, dass mehr Schaden als Nutzen aus der Verwendung des Rings entstehen würde. 
Menschen und Zwerge, die aus Verzweiflung, Geltungssucht und Ähnlichem des Ringes habhaft werden wollen, geben sich im Herrn der Ringe die Klinke in die Hand.
Die Ringgeister zum Beispiel sind ehemalige Menschenkönige, die durch ihre Ringe der Macht und Saurons Einfluss auf diese zu schattenhaften Wesen degenerierten. Ihr Dasein konzentriert sich nur noch darauf, dass sie der Macht des Einen Ringes nahe sein wollen.

Das Wesen Gollum, früher einmal ein Hobbit, wiederum zeigt und erhärtet die Vorstellung, was der Ring letztendlich aus jedem macht. Schon wie er in den Besitz des Ringes kommt, ist von Missgunst und Gewalt gezeichnet. Er tötet seinen Verwandten Déagol, der wie er der Meinung ist, dass der Ring ihm gehören sollte. Selbst genügsame Hobbits, die noch am wenigsten unter Megalomanie leiden, können auf Dauer nicht widerstehen und werden vom Ring verdorben, wie diese Episode zeigt.

Connor ist von einem Dämon besessen, der ihn nicht verlassen will. © by Bioware
Versuchung im Spiel: Dragon Age und "Der Arl von Redcliff"
Geschickt schafft es Dragon Age an einem Punkt, den Spieler wahrlich in Versuchung zu führen. Es bedient sich eines schmutzigen Tricks, aber das Ergebnis im Spielerlebnis ist spektakulär.
In der besagten Quest um den Arl von Redcliff begegnet man gegen Ende einem Jungen, der von einem Desire Demon besessen ist. Will man nicht Hand an den Jungen legen, so muss man durch ein Ritual einem der Magier der Abenteuergruppe Zugang zur Welt der Dämonen und Magie geben - the Fade.
Dort begegnet man dem Desire Demon und kann ihm ein Ende bereiten. Tritt man als Spieler in der Magierklasse dem Dämon gegenüber, so macht einem der Dämon ein unmoralisches Angebot. So unmoralisch, dass es die vierte Wand durchbricht. Der eben angemerkte schmutzige Trick.

Der Dämon bietet an, dass er sich aus dem Jungen für einen langen Zeitraum zurückziehen wird. Für alle wird es so aussehen als ob der Dämon gebannt wurde. Der Vertrag mit der Seele des Jungen besteht aber weiterhin. Der Spieler wird als Held gefeiert und kann seiner Hauptqueste weiter nachgehen. Nach Ablauf des Zeitraums wird sich der Dämon des Jungen aber wieder bemächtigen. Um den Deal zu versüßen kann der Spieler noch aus einer Belohnung auswählen, die auf den ersten Blick folgenlos ist.
Ihm wird magisches Wissen, die Zuneigung der Gefährten oder Lust unglaublichen Ausmaßes in Aussicht gestellt. Im Spiel scheint das Ganze auf den ersten Blick als ein guter Deal. Aber ist es das?
Stimmt der Spieler dem Deal zu, dann erhält er im Spiel dank der Belohnungen des Dämons Vorteile, muss aber keine Konsequenzen in Form von spielerischer Benachteiligung fürchten. Schließlich geht es nur um das Schicksal eines digitalen Charakters in einem Spiel. Es lässt sich darüber streiten, inwiefern moralische Verfehlungen in einem Spiel problematisch sind. Aber genau das macht diese Situation so genial in ihrer Konstruktion. Der Spieler wird versucht, sich auf den Deal einzulassen, aber Konsequenzen sind nur moralischer Natur und noch dazu nur im Spiel. Der Deal mit dem Dämon bringt, mit der Lustoption als Ausnahme, direkte spielerische Vorteile.
Möchte man für das Schicksal des digitalen Kindes verantwortlich sein? Ist man das? Hier geht es um Moral um der Moral willen. Man verzichtet auf die Belohnungen, vernichtet aber den Dämon und erhält sich so die moralische Integrität.

Love conquers all. Die kleine Meerjungfrau, in diesem Fall Disneys` Ariel, gibt der Versuchung nach, ihre Liebe zu erobern. © by Disney

Die kleine Meerjungfrau
Das Märchen von Hans Christian Andersen geht leider nicht ganz so gut aus wie das Happy End, was sich Disney für seine Adaption ausdachte. Gemein haben beide Varianten, dass die Meerjungfrau ihre Stimme aufgibt, um als Mensch ihren menschlichen Geliebten erobern zu können. Das Märchen erfüllt ihre Sehnsucht nicht, das Opfer ihrer Stimme war umsonst und der Preis, den sie letztendlich zahlt, ist noch größer.

Versuchung aus Liebe ist groß und auch ein immer wieder gern aufgegriffenes Thema. Aus Liebe wird verraten, gestohlen und alles nur erdenklich Schlimme und natürlich Gute bis zur Selbstaufgabe getan, denn die Versuchung, dass das Sehnen nach der geliebten Person endlich erfüllt wird, ist einfach zu groß.
Im Fall der kleinen Meerjungfrau aber erfüllt sich die Sehnsucht nicht und sie verliert viel dadurch, dass sie ihre Stimme für den Versuch eintauscht, ihre Liebe zu verwirklichen. 
Disney dagegen spendiert Ariel die Belohnung für den großen Einsatz, den sie zu zahlen bereit ist. 

Beide Ausgänge sind möglich und für Versuchung ist typisch, dass die Belohnung, wie im Fall von Ariels Geschichte, sehr groß sein kann, wenn man zu einem großen Einsatz bereit ist. Im Falle des Einen Rings sieht man, dass oftmals die Belohnung auch kein Ersatz für das Eingesetzte ist und somit der Versuchung immer auch mal widerstanden werden muss. Und bei Dragon Age stellt sich einfach die Frage, was man für Prioritäten setzt, um sich zwischen Widerstehen und Nachgeben zu entscheiden.