Donnerstag, 13. Dezember 2012

Konsistente Welten - Logik und Naturgesetze in Fantasy und Science-Fiction

"Total unlogisch"
Jeder hat so einen Freund: Wenn man aus einem Film kommt, oder besser noch währenddessen, wird breit darüber genörgelt, was da jetzt alles unlogisch an einer Szene ist und wieso das so und so nicht geht. Berechtigte Kritik?
Dabei muss man nicht einmal in den Bereich der Fiktion schauen. Schon Actionfilme suggerieren, dass alles Technische unter Gewalteinwirkung, und sei dies nur durch einen Zusammenstoß, z.B. aufgrund überhöhter Geschwindigkeit, explodiert.
Satirisch wird das in Filmen, wie dem "21 Jump Street" Remake, aufgegriffen. Während einer Verfolgungsjagd wird jeder dabei entstehende Unfall von den Protagonisten mit Schrecken folgendermaßen kommentiert: "Es wird explodieren!" Zur Verwunderung der Beteiligten, die gerade die erste Verfolgungsjagd ihres jungen Polizistendaseins absolvieren, explodiert aber rein gar nichts.
Autos wie auch Hubschrauber und ähnliches explodieren nicht einfach so. Selbst bei Autoverfolgungsjagden mit der Polizei, was ja ohne weiteres gelegentlich auch in der Realität vorkommt, steht selten eine Explosion „ins Haus“, eher schon eine harte Landung! Ohne guten Grund (wie ihn eine Panzerfaust z.B. liefern kann) explodieren Sachen nicht so schnell.

Fantasy und Science-Fiction aber bieten für jedes Problem scheinbar eine passende Lösung. In dem Film "Thank you for smoking" soll das Rauchen als Teil eines Science-Fiction Films werbetechnisch geschickt platziert werden. Wie soll denn im Weltraum das Rauchen möglich sein? Na ganz einfach! Es ist bekannt, wie Herausforderungen in diesem Genre oft gelöst werden. So sind Kommentare der Protagonisten wie: "Ein Glück, dass wir dieses Ding X erfunden haben, mit dem man im Weltraum rauchen kann“, an der Tagesordnung. So, oder so ähnlich wird ohne jegliche Motivation oder ausreichenden Hintergrund passend gemacht, was nicht passt.
Kritik an den Geschehnissen in Fantasy und Science-Fiction wird daher auch gerne mal vom Fiktions-Laien abgetan, mit dem Hinweis, dass man mit Logik und Naturgesetzen in diesem Bereich so und so nicht rechnen könne. Weit gefehlt.


Ein Science Fiction Klassiker des Fernsehens: Star Trek. Teleportation ist technisch ebenso gemeistert wie der Flug in weit entfernte Galaxien. Die auf dem Bild bekämpften "Borg" sind als Kollektiv von Cyborgs eine heutzutage fast greifbare Dystopie.


Konsistente Welten
Gute Geschichten hängen nicht vom Setting ab, wie hier schon einmal am Beispiel von Fantasy erläutert. Aber auf eine gewisse Konsistenz hin sollte man sich eben doch festlegen, wenn man etwas plausibel erzählen möchte. Wer stets nach dem Deus Ex Machina Prinzip verfahrene Situationen löst, in dem bis dahin nicht eingeführte Technik, Zauberei oder Ähnliches zur Rettung genutzt wird, der verliert auf Dauer die Möglichkeit Spannung aufzubauen. Als Zuschauer lässt das Interesse nach, denn man vermutet bei Häufung dieses Lösungsweges bald immer so etwas. Die Welt verliert an Glaubwürdigkeit und damit auch die Geschichte.


Märchenhafte Fantasy und Science-Fiction in Kombination. Bei Star Wars ist bis zum Erscheinen der "früheren" Episoden die Macht eine Art Magie, die, wie Zauberei, zum Guten wie Bösen verwendet werden kann.

Die Gesetze der Magie
Zauberei macht möglich, was mit anderen Mitteln nicht oder nur sehr viel schwerer vorstellbar ist. Das macht sie fantastisch und nicht "weltlich", bzw. kurz: überirdisch. In keinem Widerspruch dazu steht, dass Magie auch Regeln hat. Im Gegenteil: Diese werden gebraucht, damit, gerade wegen der Natur von Zauberei, konsistent erzählt werden kann.
Bei ausgereiften Spielen jeder Art ist das am Offensichtlichsten. Sonst wäre man als Magiebegabter über jeden Nicht-Magier grundsätzlich erhaben.
Durch die Verbindung von Zauberei und ihrer Gesetzmäßigkeit stellen sich zwei Fragen:
Welche Effekte können erreicht werden? Durch Aufwand welcher Mittel können diese erreicht werden?
Magier oder Figuren, die magische Kräfte haben, müssen so zum Beispiel ganz spezielle, komplizierte Rituale vollführen, bestimmte Energien manipulieren oder große Willensanstrengungen unternehmen. Manchmal auch Kombinationen aus dem Genannten. Bestimmte Grenzen sind aber immer vorhanden. Fazit: Magie ist eine zusätzliche Prämisse für den Naturgesetzekanon einer fiktiven Welt, nicht zwangsweise eine Überwindung dieser.



Beim Rollenspiel DSA ist Magie eine Energieform, die bestimmte begabte Wesen manipulieren können. Je größer der Effekt desto komplizierter der Zauber und desto mehr Energie ("Astralenergie") muss aufgewendet werden.
In der Harry Potter Reihe fragt man sich manchmal („storytechnisches“ Jammern auf hohem Niveau, versteht sich), ob eigentlich wirklich für alles, für jede denkbare Situation, ein Zauberspruch existieren kann? Die Grenzen von Zauberei sind nicht wirklich klar und folgen keinem klar umrissenen Regelwerk. Wie viel Begabung ist nötig, wie viel intensives Studium, um einen Effekt hervorzurufen? Oft braucht es noch nicht einmal Zaubersprüche, um eine bestimmte gewünschte Wirkung zu erreichen. Vor allem Erwachsene haben bei Harry Potter diesen scheinbar grenzenlosen, nicht leicht nachvollziehbaren Einfluss auf Magie.Allerdings gibt es durchaus gewisse Strukturen, die an anderer Stelle sehr ausführlich besprochen worden sind. Inwieweit aber der offensichtliche Unterschied im Kräfteverhältnis eines Abschlussschülers von Hogwarts im Vergleich zu Dumbeldore oder Voldemort zustande kommt, ist nicht klar. "Erfahrung" wohl, aber wirklich erläutert wird nicht, welchen  magischen Naturgesetzen Zaubern bei Harry Potter unterliegt. Wie schwer darf ein Gegenstand für den Schwebezauber Wingardium Leviosa sein, um diesen heben zu können? Beim Expecto Patronum Spruch oder den Unforgivable Curses wiederum scheint eine gewisse Geisteshaltung und Willenskraft des Anwenders Voraussetzung für durchschlagenden Erfolg zu sein, so dass prinzipiell auch jemand mit wenig Erfahrung aber dem Herz am richtigen Fleck Großes zustande bringen kann wie Harry im "Prisoner of Azkaban":





Im Film eindrucksvoll in Szene gesetzt. Dumbledore und Voldemort bekämpfen sich mit Feuerdrachen, Flutwellen und Glasscherbenregen in "Order of the Phoenix".
With great power comes great responsibility (and lazyness)
In der "Codex Alera" Buchreihe von Jim Butcher wird ein anderes Problem magieähnlicher Begabung thematisiert, was in inkonsistenten magischen Welten gerne einmal ausgeklammert wird: Macht dieser Art verführt auch zu Faulheit. 
Die Fähigkeit zur Kontrolle einzelner oder mehrerer Elementargeister, die die Bewohner Aleras besitzen, führt dazu, dass bestimmte Tätigkeiten nicht ohne die Hilfe dieser Wesen ausgeführt werden oder gar nicht möglich sind. Dementsprechend gibt es in den Büchern wissenschaftliche Debatten darüber, ob diese Begabung stets bei allen Aleranern vorhanden war oder ob es eine Zeit ohne das sogenannte "Furycrafting" gab. Die Ergebnisse von Ausgrabungen alter Zivilisationen werden unterschiedlich interpretiert und führen so zum Disput: Manche der Beteiligten behaupten, die Vorfahren hätten Maschinen für schwere Arbeiten gehabt und keine elementaren Diener. Andere wiederum sind überzeugt davon, dass Elementargeister die Tätigkeiten ausführten. Elaborierte Mechanik ist nämlich im heutigen Alera eher unbekannt, da die "Furies" alle für Menschen schwierigen bis unmöglichen Aufgaben erledigen. Durch ein Übermaß an übernatürlichen oder magischen Fähigkeiten setzt in einer konsistenten Welt eine Gewöhnung der Nutzer ein, die zu Abhängigkeit führt. Deshalb wird in vielen Geschichten auf den bewussten Umgang mit diesen Kräften hingewiesen, oder generell davor gewarnt, was die Mächte für Verführungen bereithalten (Der Eine Ring beim Herr der Ringe, die "Macht" bei Star Wars, Horcruxe bei Harry Potter etcpp).
Magie "funktioniert" nur mit Regeln.


Hauptthema in diesem Buch ist unter anderem das Lernen und Verwenden von Magie durch Talent contra Gelehrsamkeit in einem pseudo-viktorianischen Roman (erster Güte).


(Selbst erklärende) Science-Fiction
Im Gegensatz zu Fantasy ist Science-Fiction in der Regel keine Verlagerung eines Settings in eine alternative Welt, sondern eine Verlagerung in eine fiktive Zukunft. In dieser Zukunft ist die Technologie viel weiter entwickelt und ermöglicht Dinge, die heutzutage noch phantastisch anmuten. Darunter fallen meistens Reisen durch den Weltraum, die jederzeit und ohne größeren Aufwand möglich sind, Teleportation und und die Benutzung von Kraftfeldern. Auch Laserwaffen sind Standard. 
Star Trek ist für viele seit geraumer Zeit der Science Fiction Prototyp, sowohl bei Serien als auch bei Filmen, noch kurz davor war es hierzulande die Raumpatrouille Orion.

Vergleicht man Zauberei mit Science-Fiction, so liegt der Schwerpunkt bei Science Fiction in bestimmten Punkten eher beim Faktor Zeit, denn beim Faktor Realität. Nimmt man utopische Romane, wie 1984 oder Brave New World, so finden sich darin viele technische Neuerungen, deren Entwicklung sich zu den Entstehungszeiten der Bücher höchstens vermuten ließen. Geht man zurück bis zu Jules Verne, so war selbst das Reisen zum Mond zum Zeitpunkt des Erscheinens der Geschichte noch völlig undenkbar und war noch nicht einmal 100 Jahre nach seinem Tod Realität
Diese Infografik gibt einen kleinen Überblick über manches Unvorstellbare, das Realität wurde und über manches, das auch heute noch kaum vorstellbar ist. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Besprochen wurden die Machbarkeiten fiktiver technischer Errungenschaften auch schon sehr ausführlich - gerade im Bezug auf Star Trek - in Büchern wie The Physics of Star Trek und weiterführenden Publikationen dieser Art.

Aber zurück zur Problematik: Logik und Naturgesetze.
Eben wurde gezeigt, dass die vermeintlich wissenschaftliche Absurdität vieler Science-Fiction Elemente eher von der mangelnden Vorstellungskraft des Rezipienten herrühren, als von ihrer potentiellen Umsetzbarkeit. „Im Sinne des Erfinders“ kann man auch hinterfragen, ob man es mit einem wirklich groben Schnitzer in der Konsistenz der beschriebenen Welt zu tun hat oder ob es sich um eine lässliche Sünde handelt. Dramatik hat ihre eigenen Regeln und "One in a Million"-Chancen dehnen zum Zwecke der Spannung auch mal die harten Korsette der Naturgesetze. 
Das erklärte Ziel von Science-Fiction ist oftmals eine Zukunftsvision, in der vieles einfacher oder auch gefährlicher ist. Die Distanz zum Jetzt, die Science-Fiction herstellt und herstellen will, wird durch technischen Fortschritt vermittelt, der sowohl bedrohlich oder/als auch faszinierend wirken soll. Soweit zur Güte!
Transporter in Star Trek. Materie kann über weite Strecken hinweg gebeamt werden. Im Vergleich zu Trikordern oder Laserwaffen eine wissenschaftlich schwer umsetzbare Technologie.
"Weil, so schließ er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf."

Bei Konsistenz ist also zu beachten: Welchen eigenen Regeln und Naturgesetzen das fiktive Szenario unterworfen ist. Das ist unabhängig von Fantasy- oder Science-Fiction-Settings. Die Gratwanderung zwischen faulen Deus-Ex-Machina Lösungen uninspirierter Geschichten und einfallsreichen Welten, voll von genialer Vorstellungskraft, ist manchmal eine schwierige. 
Konsistentes Erzählen von Geschichten gleicht der Programmierung einer Software. Nur wenn alles richtig ineinandergreift, funktioniert es. Unaufmerksamkeit zieht kleine bis große Unregelmäßigkeiten nach sich, die die Konsistenz einer Story gefährden oder zum Einsturz bringen, wenn die Logik der Welt zu sehr überdehnt wird.


Nachtrag:
Der Artikel Ordinary Players, Extraordinary Characters auf The Escapist behandelt die Fragestellung in Bezug auf Computerspiele und die Realität mit anderen, interessanten Gesichtspunkten.