Dienstag, 4. Juni 2013

Revolution am Bildschirm - Evolution von Romanzen und Sex im Spiel

In the game of patriarchy women are the ball
Romanzen gehören zu den ursprünglichsten Motiven nicht nur der Literatur, sondern auch in Spielen, um die Motivation des Helden für seine Abenteuer zu liefern. Schon Mario durchkämpft unzählige Welten, nur um seine Prinzessin zu retten, die stets "in another castle" zu sein scheint. Am Ende jedes Mario-Spieles aber kann er sie natürlich retten. Außer die Dame ist, wie z.B. bei "Super Mario Bros. 2", gleich als Heldin mit von der Partie.
Wieso die Prinzessin da auftaucht und was man generell zur Rolle der Frau in Spielen sagen kann, das wird sehr interessant von Anita Sarkeesian aufgearbeitet. Eins ist aber festzuhalten, dass sich die Rolle der Frau sehr stark ausdifferenziert hat in den letzten Jahrzehnten der Spieleentwicklung, aber ich schweife ab.

Verborgen bleibt einem aber der eigentliche Teil der Romanze, denn nach der Rettung ist Schluss, mehr erfährt man nicht. Manche Spiele aber haben sich natürlich auch diesem Teil des Zwischenmenschlichen gewidmet. Sie bauen als Teil des Spieleerlebnisses aus, was die Zweisamkeit noch alles zu bieten hat, außer Antriebsmotor für ausufernde Rettungsaktionen zu sein.

Standesunterschiede werden überwunden. Klempner rettet Prinzessin.


Zum Leibe drängt, am Leibe hängt...
Ich habe keine Ahnung mehr, wann mir jemand eines der ersten "Leisure-Suit-Larry"-Spiele an einem PC zeigte. Ich weiß nur, dass man mir damals noch erklären musste, dass "rubber" Englisch ist für "Kondom". Auch hatte ich noch keine besonders gute Vorstellung davon, was sich hinter dem "censored"-Balken verbarg. Dieser erschien, wenn Larry es geschafft hatte, dass eine der vielen Damen mit ihm zusammen ein Bett bestieg. Grafisch annehmbar bestritt Larry seine Abenteuer im Jahr 1987 zum ersten Mal in "The Land of the Lounge Lizards". Danach folgten noch diverse weitere Abenteuer. Natürlich nahm mit der Technik auch die grafische Deutlichkeit der Spiele zu. In 8-Bit-Grafik war das noch nicht so eindrucksvoll wie zum Beispiel bei "Yacht nach Liebe/Love for Sail" aus dem Jahr 1996. Und die Technik machte da natürlich in ihrer Entwicklung noch nicht halt.

Generell aber haben sich nicht nur der grafische Anteil des Sex, sondern auch die Romanzen in Spielen seit damals stark entwickelt. Das Retten der "damsel in distress" ist ein altes Spiele-Topos, wie es bei Donkey Kong und Super Mario anfangs noch erklärtes Ziel ohne besonderen Romantik-Faktor war. Vor allem durch Rollenspiele hat sich dieses Thema in Spielen stark entwickelt. Der extremste Gefühlsausbruch, der einem damals vergönnt war, war ein rosarotes 8-Bit-Herz auf dem Bildschirm.

Der Beginn - Diesem "Leisure-Suit-Larry" Spiel folgten einige weitere. © by gamesdbase.com
Viel zu sehen gab es beim ersten grafischen Larry-Abenteuer noch nicht. Aber da reichte wohl die Vorstellung schon aus. Und auch, dass eine Art Tabubruch bei Spielen erfolgt war.
Der Sex, als reiner Lustausdruck oder auch als Teil von Romantik, fand von da an vermehrt Darstellung im Spiel. Bis die Darstellung von Sex und Romantik aber langsam zum Standard wurde, gab es viele Hürden zu überwinden und Etappensiege zu erreichen.

Sex wegen Sex
Mit Wet - The sexy Empire kam 1997 ein sexuell aufgeladenes Spiel daher, was zusätzlich zum Protagonisten noch mit einer weiblichen Hauptrolle aufwartete - Lula. Und das Spiel kam aus Deutschland. Spielerisch war es nicht so besonders aufregend, also jedenfalls nicht bezüglich Spielemechaniken. Daher fiel es bei jeder Kritik durch.

Der Hauptbildschirm von Lulas erstem großem Auftritt. Spielerisch zumindest kein Hingucker.
Von einem feministischen Standpunkt aus verursachte das Spiel sowieso einen großen  #Aufschrei, denn es ging hier im Endeffekt nur um die kommerzielle Ausbeutung von Frauen in der Pornografie. Wohlgemerkt ohne groß kritischen Unterton, wenngleich in nicht sehr ernstzunehmender Comic-Optik. Man arbeitet sich von Fotostrecken bis zum Aufbau eines SexShop-Imperiums hoch. Und wo bleibt der Sex der Liebe wegen? Oder gar des Nachwuchses wegen? 

If you like it then you should've put a ring on it
Im Jahr 2000 kommt eine der erfolgreichsten Spieleserien aller Zeiten auf den Markt. Inzwischen mit drittem Teil und unzählbaren Erweiterungen vertreten, brachten die Sims zum ersten Mal Beziehungen und damit auch "Sex mit Folgen" in einem Spiel signifikant unter. Die Sims können nämlich auch Kinder bekommen, aber dafür müssen sie sich natürlich vorher innigst lieb haben. Auch geht das nicht einfach so. Sims müssen sich umgarnen, sich am besten unterhalten, Komplimente machen, Witze erzählen, sich bekochen und erst dann rücken Zusammenziehen, Sex und Kinder in greifbare Nähe.
Für einen Aufschrei waren die Sims auch noch gut, denn das Spiel ermöglichte Adoption von Kindern nicht nur für Heteropaare, sondern auch für schwule und lesbische Beziehungen. Und auch diese Beziehungsoption an sich rief genug Dramen hervor. Für die Akzeptanz von Homosexuellen war das damals ein großer Schritt in einem historisch männlich-weißen Medium, dem der Computerspiele. In der Antwort auf einen Leserbrief forderte damals auch die GameStar hierzulande zu "etwas mehr Toleranz im Jahr 2000" auf als sich ein Leser über die Homo-Option beschwerte und erst recht darüber, dass das Zusammenleben auch noch die vorurteilsfreie (sic!) Kinderadoption erlaubte. 
Ich spielte damals einen Arzt und einen Soldaten, die zusammen lebten und deren beide Kinder nur Einsen nach Hause brachten, wollte ich nur mal gesagt haben für das Protokoll. Spiele können Spieler und deren Ansichten formen. Seitdem aber hatten die Sims keinen Reiz mehr für mich. Es ist doch etwas redundant, so profan wie bei den Sims, am Computer ein Leben nachzuspielen.


Noch keine gelebte Vielfalt, aber zumindest gespielte. Homo-Ehe bei den Sims.
Ähnlich wie bei den Sims rührte mich erst wieder etwas Derartiges in einem Spiel, als ich bei "Fable" eine nicht sehr ausführliche, aber doch immerhin mögliche (man nahm, was man kriegen konnte) digitale Ehe mit einem Dorfbewohner einging. Die Darstellung des expliziteren Teils des Verhältnisses fand aber mit schwarzem Bildschirm und sehr handzahmer Geräuschkulisse statt. Aber auch hier war die Voraussetzung ein Umgarnen nebst Ring und allem Drum und Dran.

Versteckter Sex sells - GTA und die Hot Coffee Mod
2004 hält aber nicht nur Fable bereit, auch eines der besten GTA Spiele wird veröffentlicht: GTA - San Andreas. Die Entwickler, auch wenn sie es bei der folgenden Kontroverse erst bestritten, hatten ein kleines Mini-Spiel eingebaut, in dem man einer seiner potentiellen In-Game-Freundinnen in ihre Wohnung folgen kann - für "Kaffee", wie sie sagt. Daher der Name. Auch wenn dabei keine explizite Nacktheit sichtbar wird, so gab es aufgrund der weiten Verbreitung des Spiels und der auch mit Klamotten mehr als deutlichen Bewegungen und dargestellten Praktiken einiges an öffentlichem Drama, vor allem durch den in solchen Fällen regelmäßig wütend wetternden amerikanischen Anwalt Jack Thompson. Dieser bekämpft in Amerika Computerspiele, wo es nur geht, da er ihren schlechten Einfluss auf die Jugend eindämmen will. Man wollte wegen des Mods GTA San Andreas die Jugendfreigabe entziehen, aber soweit kam es dann nicht. Wie Sex im Spiel (und Film) in Amerika gewertet wird, nämlich viel schlimmer als Gewalt, zeigt schon, was für ein diametrales Verständnis Westeuropa und Amerika da haben.

Sex zeigt sich unverhüllt(er)
In den folgenden Jahren wird Sex im Spiel vom versteckten Mod mit Skandalpotential zu einer relativ alltäglichen Sache. Die Deutlichkeit der Darstellung variiert dabei natürlich sehr stark. So sind in dem Quick-Time-Adventure Indigo Prophecy (2005 hierzulande als Fahrenheit erschienen) mehrere verschieden intensive Beischlafszenen mitzuerleben. Eine davon verlangte auch Interaktion seitens des Spielers, also Knöpfedrücken. Nordamerikas Version des Spiels schnitt viele dieser Szenen zusammen, um eine Jugendfreigabe gerade noch zu erhalten.


Eine der züchtigen Varianten der "Romance Cards" aus dem ersten "Witcher"-Spiel.
Im Rollenspiel "Witcher" aus dem Jahr 2007 war mit vielen Damen der Beischlaf möglich, die Darstellung des Aktes aber reduzierte sich auf eine Art Spielkarte, die die leicht bekleidete Eroberung kurz zeigte. In Wichter Teil 2 (2011) gab es dann eine sehr deutliche Bad&Beischlaf-Szene inklusive "magischem Striptease" durch die Magierin Triss, eine regelmäßige Begleiterin des Witchers.

Beischlaf mit Gottheiten - Kratos kann Aphrodite (nicht) widerstehen.
Und bei God of War 3 ist eine der wenigen Gottheiten, die man als Kratos nicht bekämpfen muss, natürlich Aphrodite. Wie erfolgreich diese Szene ist, kann man an den Reaktionen ihrer Gespielinnen ablesen, die, von der Szene angetan, mit Sätzen wie "Is he going to...? By the gods!" - "The gods have truly blessed you, Kratos." kommentieren, was geschieht. Ohne, dass man sieht, was das eigentlich ist, was da passiert. Nur die Gespielinnen der Aphrodite sind, so man sich erfolgreich schlägt, offensichtlich auch sehr angetan von dem, was dem Spieler nur in Andeutungen "gezeigt" wird.

Bioware und die (Homo-)Romantik

An Bioware kann man sehr gut illustrieren, wie sich Liebe und Sex in Spielen im Laufe der letzten zehn Jahre immer weiter vorgewagt hat. Vorher war die Romanze im Spiel über einen bestimmten Stand hinaus im Dornröschenschlaf verblieben. In Kurzform ist die Entwicklung von Bioware-Romanzen und -Sex hier links einmal grafisch zusammengefasst. Die Firma hat auch ihren ganz eigenen Anteil daran, wie hier schon mal erwähnt, dass sich bestimmte tabuisierte Thematiken wie Homosexualität in dominant männlich-weiß-heterosexuellen Milieus wie den Computer-/Videospielen langsam etablieren bzw. ihren Exotenstatus verlieren.


Angefangen von reinen und bis dato völlig üblichen Romanzen in Form von etwas Dialog zwischen Spielercharakter und Gruppenmitglied geht Bioware in Jade Empire soweit, dass man einen homosexuellen Kuss austauschen kann. Allerdings blendet die Kamera in dieser Szene weg, bei der heterosexuellen Variante nicht. Der Vollzug des Kusses ist aber ausreichend angedeutet. Das war damals aber schon mutig genug. Ähnlich mutig wie damals der Kuss zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau in der Star-Trek-Folge "Plato`s Stepchildren" aus dem Jahr 1968.

Dragon Age lässt dann zum ersten Mal schwule und lesbische Romanzen zu. Zevran der opportunistische Elf in der Abenteurer-Gruppe, steht für (eine ziemlich lockere) Romanze mit Sex genauso offen wie die geläuterte Ex-Assasinnin Leliana, die jetzt einen spirituelleren Weg eingeschlagen hat als in ihrem vorherigen Leben. 

Nach der kurzen lesbischen Episode (falls man einen weiblichen Charakter spielt) mit der Konsortin Sha'ira in Mass Effect, die sich auf Beischlaf ohne emotionale Tiefe beschränkt, ist hier bei Dragon Age zum ersten Mal Romantik in homoerotischer Variante in beide Richtungen möglich. Noch dazu ist der mögliche Akt mit Sha'ira eben nur pseudo-lesbisch, denn trotz des weiblichen Äußeren der Alien-Dame und ihres Volkes allgemein ist sie als Asari eher so etwas wie hermaphroditisch als wirklich rein weiblichen Geschlechts. Auch Liara, eines der festen Gruppenmitglieder der gesamten "Mass-Effect"-Reihe und ebenfalls Asari, ist für Romanzen mit allem, was dazugehört, offen. 

Alle Hemmungen und Hüllen lässt Bioware dann in Mass Effect 3 fallen. Die Menge an Romantik und Sex im letzten großen Hit der Science-Fiction-Reihe ist so immens, dass ein Überblick zu den verschiedensten Romantisierungsoptionen hilfreich ist.
Die bereits ausdiskutierte Nebenstory des schwulen Soldaten, dessen Mann im Kampf gegen die Reaper gefallen ist und wie man als Captain seines Schiffes dem Mann Seelsorge angedeihen lassen kann, gehört zu dem Besten, was Computerspielestorys bisher hervorgebracht haben.

Der erste Kuss zwischen verschiedenen Hautfarben im amerikanischen TV. Kirk und Uhura.
Es hat sich einiges getan seit Mario seine Prinzessin in verschiedensten Schlössern suchen musste und Romantik allein die raison d'etre des Abenteuers im Spiel war. Oder wie Frau Sarkeesian sagen würde die "damsel in distress" war lange nur ein Ding, was dem Helden erlaubt, seine Männlichkeit, verletzt durch die Entführung der Dame, wieder herzustellen. Die Evolution und Emanzipation von Liebe als Thematik in Spielen ist faszinierend und noch nicht am Ende angekommen. Wenn man sich anschaut, wie empfindlich manche Leute auf (homosexuellen) Sex in Spielen als Teil von Liebe reagieren, kann man nur hoffen, dass sich Spiele immer mehr trauen werden. Sie sind auf dem besten Weg.