Mittwoch, 4. November 2015

Sailor Moon, Nächstenliebe und Flüchtlinge

Sailor Merkur, Mars, Moon, Jupiter, Venus. © by anouet

Sailor Moon - Damals und Heute
In Deutschland unter "Sailor Moon - Das Mädchen mit den Zauberkräften" auf RTL 2 bekannt, lief in den Jahren vor der Jahrtausendwende diese Serie mit großem Erfolg. Immerhin ist es so, dass Sailor Moon als Name und Figur auch von Leuten gekannt wird, die die Serie nie gesehen hatten. Ursprünglich als Manga von Naoko Takeuchi gezeichnet und geschrieben, gab es jetzt, knapp 20 Jahre nach der ursprünglichen Serie, ein Remake. Dieses (aktuelle "Sailor Moon Crystal") hält sich ungleich deutlicher an die Comic-Vorlage, was es zu einer Zeichentrickserie mit Story macht anstelle repetitiv das "Monster of the Week"-Trope auszureizen.
In kurzen Zügen die Geschichte: nf Mädchen, die ursprünglich auf dem Mond Kriegerinnnen für das Mondkönigreich waren, sind ausgestattet mit Kräften, um ihre Prinzessin zu verteidigen (wie sich herausstellt ist diese Prinzessin eigentlich Sailor Moon). Nach dem Untergang ihres Königreiches werden sie auf der Erde wiedergeborgen. Sie müssen sich dem ebenfalls neu erwachten Bösen stellen, was damals den Mond verwüstete. Typisch für die Bösewichte, die sich im Laufe der Serie abwechseln, ist die Suche nach dem Legendary Silver Crystal, einem Edelstein der große Macht verleiht und von dem Sailor Moon ihre Kraft bezieht. Gerade in der ersten Staffel bzw. dem ersten Story-Arc wird immer wieder klar, dass die Bösen eigentlich nicht per se Böse, sondern von Eifersucht zerfressen, von Liebeskummer zerstörte Menschen sind, die sich der Dunkelheit zugewandt haben.


Was für Kräfte?
Typisch für das Anime-Genre des "Magical Girls" (mahou shoujo) ist, dass sich die Protagonisten in der Regel verwandeln können, um Zugang zu übernatürlichen Kräften zu erhalten. Im Falle von Sailor Moon haben die "Senshis" der Planeten offensive Kräfte, während Sailor Moon eher neutralisierende bzw. heilende hat. Ein wiederkehrendes Thema der Serie ist, dass Sailor Moon sich als eigentlich durchschnittliches Schulmädchen überhaupt nicht auserkoren fühlt, die Menschheit vor dem dunklen Königreich zu beschützen. Auch fühlt sie sich im Gegensatz zu den anderen minder ausgestatte, denn ihre Kolleginnen können sich alle formidabel verteidigen. In der alten Serie brauchte es Sailor Moons Kräfte, um Monster zu vernichten, während im Remake die Planeten-Sailors das gut alleine hinbekommen. Sailor Moons Kräfte machen etwas ganz anderes (Wer die Geduld hat hier alle "Attacken" der Sailor Kriegerinnen aus dem Remake).



Während ihre Kolleginnen ziemlich zerstörerische Kräfte aufbieten können, fällt Sailor Moon da auf den ersten Blick etwas ab.Schon von Anfang an ist ihre Aufgabe aber auch eine andere als Monster zerbröseln.

Aber wenn es darum geht die Zerstörung oder den Einfluss des Bösen auszulöschen oder umzukehren braucht es ihre Kräfte. Auch wird gezeigt, dass der Einsatz von Sailor Moons Kräften sie selber oft bis an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Und zwar, weil sie sich nicht darauf beschränkt nur einzelne zu retten oder weil sie schwach ist, sondern weil sie jeden retten will, jeden beschützen will. Freundschaft, Liebe und Aufopferung sind dauernd wiederkehrende Themen in der Serie. Und so viel Leid auch von den Widersachen ausgeteilt wird, am Ende sind es die vereinten Anstrengungen der Sailor Krieger, die das Blatt, notfalls durch Opferung des eigenen Lebens, wieder zum Guten wenden. Das wird auch daran gezeigt, dass das Team nur durch Sailor Moon zusammenfindet. Alle Sailor Kriegerinnen sind anfangs Außenseiter. Da Usagi (Sailor Moon) aber ohne Vorbehalte auf andere zugeht, finden schüchterne Genies wie Sailor Merkur oder Sailor Jupiter, die aufgrund ihrer "unmädchenhaften" Begeisterung für Sport und wegen ihrer Selbständigkeit von anderen Schülern gemieden wird, zu sich und zueinander und kommen so auch in den Besitz ihrer Kräfte.

Was ist Hilfe?
Der "Legendary Silver Crystal" macht aus niemandem etwas, was er nicht ist. Eher ist er eine Art extremer Verstärker, der schon vorhandene Kräfte ins Unermessliche steigert. Im Fall von Sailor Moon ist es ihr Mitgefühl und ihre Nächstenliebe, die sie in die Lage versetzen, die Erde vor dem dunklen Königreich zu beschützen. Diese wiederum wollen damit ihre der physischen Form beraubte Herrscherin wiederbeleben. Einmal ist die Hilfe der Sailor Kriegerinnen alternativlos. Wenn nicht sie, dann würde die Erde eben untergehen, die Menschen ihrer Energie beraubt werden. Zum Anderen ist hier der berühmteste Superhelden-Spruch aus "Spiderman" wieder mal zu zitieren: "With great power comes great responsibility". Wer helfen kann, der hilft, und zwar so gut es ihm möglich ist.
 
Hat man geholfen, wenn man soweit geht, wie man selber kann? Hat man oder soll man mehr helfen, als einem selber gut täte? Wie weit darf und wie weit sollte so etwas gehen? Jedenfalls ist Hilfe, die einen nur so weit fordert, dass daraus keine Art von minimalem Verlust entsteht, fragwürdige Hilfe. Und sei es nur Zeit, die man opfert, die einem verloren geht. In der Zeitung "Die Zeit" hat Thomas Fischer unter dem Titel "Schaffen wir das?" ein eindringliches Plädoyer für Flüchtlingshilfe geschrieben. Er meint, dass es beschämend sei, wenn man dann mit Hilfe aufhöre, wenn es einen womöglich leicht einschränken würde. Was sei das für ein Land, was nur helfen möge, was sei das für Hilfe, die sofort dann aufhöre, wenn es für den Helfenden anstrengend werde? So lindere man keine Not. 
Und so verteidigt man auch die Erde nicht vor dem dunklen Königreich. Sailor Moon jedenfalls würde bis zur eigenen Entkräftung Bedrängten helfen. Erst wenn man seine Grenzen erfährt, weiß man wie weit man gehen kann. Und wann man aufhören muss, damit man weiter helfen kann und durch das Helfen nicht selber aus Überaltruismus zu Grunde geht. Aber wie so weit zu gehen in der Flüchtlingskrise ist, das wissen wir noch nicht. Da geht noch einiges mehr. Fischer hat recht, wenn er meint, da ginge noch mehr. Und Sailor Moon macht es vor.

Wenn es um ihren Beschützerinstinkt geht, geht Sailor Moon immer "all in"


Outer Senshis 
Drei bereits erwachsene Sailor Kriegerinnen und ihr junges Nesthäckchen sind Sailor Pluto, Saturn, Uranos und Neptun. Während Pluto (links) eine Sonderrolle als Wächterin von Raum und Zeit einnimmt und Saturn das ultimative Opfer darstellt als eine Art Avatar des Todes mit änhlicher Macht (die nicht benutzt werden darf), sind Neptun und Uranos im Original eine Art lesbisches Paar. Wenngleich das auch im japanischen Original meines Wissens nie so genannt wurde und in der westlichen Version noch weiter entschärft, so zeigen sie doch eine (heteronormative) Variante einer lesbischen Beziehung (Neptun trägt Kleider, Uranos kleidet sich "männlicher"). Dies soll aber gerade wegen der fast fehlenden thematischen Behandlung dieses still gezeigten Verhältnisses einen normalen Umgang mit Homosexualität suggerieren.



Alles in allem natürlich eine kitschige Serie, eine übertriebene und für unsere Gewohnheiten sehr "japanische" Serie, aber durchaus etwas, von dem man etwas lernen kann. Darüber wie (Nächsten-)Liebe funktioniert und dass man viel mehr schultern kann als man denkt.