Freitag, 8. Januar 2016

Die Statistik von Geschichten

Stellen Sie sich vor, sie haben 100 Bananen gegessen. Und jetzt wollen sie, begeistert von ihren Erfahrungen, denn die waren alle mehr oder weniger lecker, einen Freund an ihrer köstlichen Entdeckung teilhaben lassen. Dem teilen sie das mit und er sagt:"Ehrlich? Das kann nicht sein. Ich aß kürzlich eine Banane und die war ungenießbar!"
Mit nur einem Satz wurden da eben all ihre ausführlich recherchierten Bananenerfahrungen hinweggewischt! In Frage gestellt! Oder doch nicht? 

© by SMBC



Anecdotal Evidence! - Oder: Wie Geschichten sich als Statistik aufspielen

Es gibt eine Menge sogenannter "logical fallacies", derer man sich in Diskussionen schuldig machen kann. Zum Beispiel das Argument ad hominem, das sich also gegen die Person richtet und nicht den Diskussionsgegenstand. Z.B. könnte jemand sagen, dass er Atomkraft nützlich findet und sie sagen dann "Du bist doch blöd!" Es kann zwar durchaus sein, dass der Atomkraft-Befürworter Unrecht hat mit seinem Argument, aber die Antwort richtet sich nicht gegen das Argument sondern gegen die argumentierende Person und ist somit kein Argument. Was aber eines der häufigsten und dadurch auch so anstrengenden Nicht-Argumente ist, ist "anecdotal evidence" oder zu Deutsch "anekdotenhafte Beweise". Leute sind sich so oft so sicher, dass sie mit ihrer eigenen, subjektiven Erfahrung oder mit der vom Hörensagen Probleme schon vollkommen durchschaut haben. Und vor allem "richtiger".


"Science, Bitch" - muss ja stimmen, is wissenschaftlich erwiesen und benutzt schwierige Wörter


Die Immerlecker-Banane und die Naturgesetze
Im genannten Beispiel ist dem Bananen-Fan schon klar, dass nicht alle Bananen gleich lecker sind, aber unter bestimmten Voraussetzungen kann davon ausgegangen werden, dass sie es, im reifen Zustand, sind. Ein Gegenbeispiel reicht nicht aus, um die Evidenz der Immerlecker-Banane zu widerlegen. Trotzdem wird vom Bananengegner, der eine Banane, die ihm nicht geschmeckt hat, gegessen hat, so argumentiert. Was natürlich aber trotzdem heißt, dass es schlecht schmeckende Bananen geben kann und gibt. Nur reicht ein Gegenbeispiel nicht aus Bananen schlechthin als ungenießbar zu bezeichnen. Jedenfalls nicht, wenn man ein starkes Argument aufbauen will.
Was den Benutzern der "anecdotal evidence" nicht einleuchten will ist, dass Statistiken keiner naturgesetzartigen Dauergültigkeit unterliegen. Eine schlecht schmeckende Banane kann es ebenso geben wie eine wohlschmeckende. Statistiken sind nämlich nicht dadurch gültig, dass sie immer gelten, wie ein Naturgesetz z.B. Gravitation, sondern sie geben an, was "meistens" gilt oder mehrheitlich. 



"There's definitely, definitely, definitely no logic to human behavior"
Auch Nerds streiten sich gerne. Welches Rollenspielsystem das richtige/bessere ist (D&D oder DSA), welches Universum viel cooler (Star Trek oder Star Wars? Subjektive Einschätzung!), ist Dr.Who albern oder die Eisbergspitze moderner Science-Fiction? Je nachdem, welche Frage man stellt, kann man auf (statistisch) sinnvolle Ergebnisse kommen. "Cooler als...", da ist schon die Fragestellung eine rein subjektive. "Älter als..." wiederum wäre leicht oder zumindest leichter zu beantworten, ohne dass man statistisch tätig werden muss. Es gibt als Antwort nämlich nur älter, jünger oder gleich alt.
Ein immer wiederkehrender Untersuchungsgegenstand ist, wie Menschen sich denn so im Allgemeinen verhalten. Da gibt es Psychologen, die Sätze einleiten mit "Aber Studien haben gezeigt, dass Menschen egoistisch sind", was natürlich nichts anderes heisst als "Viele Leute verhalten sich egoistisch." Das gilt aber nicht für alle, sondern die Mehrheit hat sich wahrscheinlich egoistisch verhalten! Man denkt, nur wenn etwas "immer" gilt, wie ein Naturgesetz, dann stimmt es auch. Aber auch die "starken Tendenzen" einer guten Statisik können wahr sein, ohne in 100% der Fälle wahr zu sein. Es reicht eine Mehrheit. 
Man meint, wahr kann nur sein, was keine Ausnahmen duldet. 
Da lehnen so viele Leute Religionen ab und suchen dann doch wieder nach dem einzig Wahren. Der einzig wahren Ernährung ("Orthorexie"), der einzig wahren Partei, dem einzig wahren Studienfach, der einzig wahren Haarfarbe des potentiellen Partners etcpp.
Unüberlegt bleibt dabei, ob es nicht oftmals nur eine Frage von subjektiven Prioritäten ist, wie etwas entschieden wird, oder ob es wirklich statistisch relevante Ausssagen zu einer Fragestellung gibt. Jeder kann gute Gründe für seine politische Meinung haben. Nur die Gründe sind eben unterschiedlich. Viel Stress bliebe erspart, wenn man den Satz verinnerlichen würde, dass in der Tat viele Straßen nach Rom führen. Und eben nicht nur eine, deine, meine, deren...

Menschliches Verhalten ist sicher nicht immer erratisch, aber auch nicht zu 100% vorhersagbar. "Wissenschaftlich erwiesen" was heißt das schon. Und sofern das gefundene Ergebnis bezüglich menschlichem Verhalten stimmt, ist das Verhalten kulturell erlernt oder etwas immanent genetisches? So ein Problem trifft auch die anecdotal evidence: Es ist ja nicht so, dass jemand, der mit Einzelerfahrungen argumentiert, auch automatisch Unrecht hat. Aber warum geriet der Herr vom Anfang an eine schlecht schmeckende Banane? Das kann so viele Gründe haben, die alle für sich genommen eher mit Zufall etwas zu tun haben als mit statistisch verwertbaren Beweisen.

Wer Recht hat, obwohl er ein falsches Argument für seine Position vorgebracht hat, hat nach Meinung der meisten Philosophen nicht wirklich etwas gewusst, sondern wegen des Anteils von Zufall, eben nur zufällig Recht. Und in der Philosophie ist es weitgehende Meinung, dass man als Wissen bezeichnet, was mindestens "gerechtfertigte, wahre Meinung" sein muss. Ohne diese Voraussetzung "wüsste" sonst jeder extrem viel, der nur mit möglichst vielen absurden Begründungen auf Fragestellungen zufällig richtig liegt.


Korrelation und Kausalität
Ein Hauptproblem von anecdotal evidence ist, dass oft Korrelation und Kausalität verwechselt werden. Korrelation sagt, dass Dinge vermeintlich zusammenhängen, aber dass sie eigentlich nur zufällig miteinander auftreten, während Kausalität heißt, dass Dinge mit Grund aufeinander folgen. 100% aller Menschen, die Wasser trinken, sterben. Müssen wir Wasser verbieten? Wohl kaum, denn hier korreliert etwas, aber kausal ist es eben nicht. Jeder Mensch fällt irgendwann tot um. Hat Sterben also etwas damit zu tun, dass man ein Mensch ist? Schon eher. Häufig findet sich so etwas, wenn jemand eine Straftat beging, der nicht aus Land X ist. Bewohner von Land X denken dann, klar, der kam ja aus Land Y, auch wenn Herkunft und Verbrechenshäufigkeit nichts miteinander zu tun haben. Es gibt vielleicht eine Korrelation, die von Xenophoben gerne als etwas kausales hingestellt wird, aber solange die meisten Straftaten in Land X immer noch von Menschen, die auch aus Land X sind, begangen werden, liegt das Problem wenn dann noch eher bei den Ureinwohnern als bei den Zugezogenen. Woher auch immer sie kommen.